Künstlerin mit Bildern, Skulpturen und Worten

4. September 2026

Mit dem Titel „Jenseits der Stille“ stellte das Untere Belvedere die polnische Künstlerin Erna Rosenstein vor. Neben Malen gestaltete sie auch Objekte aus gefundenen Naturalien und schrieb kritische Gedichte. Am 4. Sep. durften wir mit der Expertin Francesca Liva diese für uns noch vollkommen unbekannten Surrealistin besser kennenlernen.

Erna Rosenstein

Mit Francesca Liva (Mitte sitzend) vor „Zerrissener Mond“, 1987

Erna Rosenstein kam am 17. Mai 1913 in Lemberg auf die Welt. Diese Stadt gehörte damals noch zum Königsreich Österreich-Ungarn, heute Ukraine. In den frühen 30er-Jahren besuchte sie in Wien die Frauenakademie und schloss sich der kommunistischen Jugendbewegung an. – Apropos Kommunismus: das Untere Belvedere befindet sich ganz in der Nähe vom heutigen Schwarzenbergplatz, der während der Besatzungszeit nach dem 2. Weltkrieg von 1946-1955 Stalinplatz genannt wurde. Das heutige Haus der Industrie galt damals den vier Besatzungsmächten als Sitz des Alliierten Rates.

Erna Rosenstein übersiedelte 1935 zur Akademie der bildenden Künste nach Krakau (Polen) und war weiterhin politisch aktiv. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war Familie Rosenstein nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt. Ihre Eltern, Anna und Maksymilian kamen 1942 während der Flucht ums Leben. Erna tauchte unter anderem mit dem Namen Irma Neumann unter. All ihre Kunstwerke aus der damaligen Zeit wurden vernichtet.

„Schwimmbad“ und

„Das Massaker an den Juden – Ghetto“, 1946

Nach dem Kriegsende trat sie 1946 der Polnischen Arbeiterpartei bei, die bis 1989 bestehen bleibt. Wie man auf vielen Bildern aus der damaligen Zeit sieht, hatte sie das Grauen des Krieges nicht überwunden.

Die Köpfe ins Rosensteins Gemälde sind fast immer die ihrer Eltern. Sie machte dadurch immer wieder auf deren Ermordung aufmerksam. Das Werk „Bildschirme“ mit dem Mond zwischen den Bäumen auf der rechten Seite erinnert an diese schreckliche Nacht.

„Bildschirme“, 1951

Bald unternahm Rosenstein Reisen und besuchte die Schweiz, England und auch Frankreich. Dort lernte sie in Paris (F) den Literaturkritiker Artur Sandauer kennen, den sie heiratete und mit ihm gemeinsam 1949 nach Warschau (Polen) zog.

In der Zeit von 1949-1956 herrschte in Polen der Stalinismus, der für sozialistischen Realismus zuständig war. Dagegen setzte sich Rosenstein mit ihrer surrealistischen Denkweise ein. Durch ihre traumhaften und absurden Werke war viel Freiraum gestattet.

„Triptichon der Stille und des Feuers“, 1974

1968 erreichten antisemitische Gedanken bei der kommunistischen Führung in Polen ihren Höhepunkt. Trotzdem bleibt Rosenstein weiterhin Parteimitglied. Sie schaffte es dennoch aktiv zu bleiben und fiel mit kritischen Skulpturen auf. Dabei führte sie Materialen zusammen, die für den gemeinsamen Gebrauch keinen Sinn ergeben. Zum Anschauen sind sie aber lustig und werfen die Frage auf: Wer kann sich noch an das Kabeltelefon erinnern?

Telefon mit Gürtel, Vogelfüße

Zigarettenpackung mit Ton

Eines ihrer kritischen Gedichte:

 

WAS TUN?

Ich will euch nicht auf die Leinwand bannen.
Ich sperre euch nicht in Worte ein.
Denn alles verändert sich ohnehin.

Immer verfliegen bestehen vergehen
Wind Himmel ich und die Erde
Tod Leben Lachen und nichts.

Flieht Schmetterlinge
bevor ihr zu Stein werdet.
Ihr seid solange ihr existiert.

Jeder Moment wird das durchtrennen.
Ich schließe euch nicht in Worte ein.
Ich werde euch nicht auf die Leinwand bannen.

 

Erna Rosenstein starb am 10. November 2004 in Warschau, wo sie mit ihrem Mann Artur Sandauer am Militärfriedhof begraben wurde. Trotz Flucht, Verlust und Trauer blieb sie bis zum Schluss künstlerisch unabhängig.

Unser nächster Besuch im Unteren Belvedere ist am 2. Oktober. Das Thema lautet: „Erika Giovanna Klien – Kunst in Bewegung“.  Treffpunkt ist wie immer um 14.45 Uhr bei der Kassa. Es wird um Anmeldung bis spätestens zum Vortag gebeten Tel: 0664/32 33 626

 

Renate Adelhofer und Sigrid Kundela, Wien

 

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